Im Eifer II

aus: Schtillvergniegt

(in Mundart zu lesen - Originalschreibweise siehe unten)

 

Frau Hussier Müllern will verreisen,

der Schwiegersohn hat depeschiert,

man weiß ja, dass in diesen Fällen als

die größte Eilpost existiert;

drum packt sie tapfer jetzt ihr Krämchen,

zum Bahnhof will sie, plein carrière,

du Nettchen, bringst mir gleich meine Koffer,

so ruft sie, unten an der Türe.

 

Das Nettchen war ein freches Gesteckchen,

es denkt: steige mir den Buckel hinauf,

mir fällt es nicht ein, mich abzuhetzen,

geht langsam in ihre Kammer hinauf;

dort brennt und zupft sie sich ihre Löckchen,

zieht sich ein weißes Schürzlein an,

und steckt sich an den Spitzenkragen

ein echtes, goldenes Bröschlein dran.

 

Frau Müllern holt sich ihr Billetchen,

(der Zug, der ist schon avisiert),

Herr Jesses, nein, wo bleibt mein Nettchen,

nein, so was, ich bin rein blamiert;

was soll sie machen, soll sie warten,

bis dass der nächste Zug ankommt ?

nein, sie steigt ein, auch ohne Koffer,

und weint dabei und seufzt und brummt:

warte, Nettchen, warte, du kriegst dein Fett noch,

es gibt in der Welt doch, meiner Seele,

nichts dümmeres als ein Frauenzimmer,

sie ärgern einen noch grün und gelb.

 

Lina Sommer

 

Originalschreibweise:

folgt