Silvestermärchen

aus: Lust und Freud für kleine Leut (1916)

(hochdeutsch)

 

Still, dunkel und einsam war es in dem großen, gemütlich warmen Bescherungszimmer; ein kräftiger Tannengeruch, ein süßer Duft von allerlei Backwerk und Nascherei erfüllte die Luft. Da kam unter den vielen Engelchen, die in der Silvesternacht herniederschweben zur Erde, auch die Puppenfee geflogen. Sie wollte nachsehen, ob die kleinen Menschenkinder das Spielzeug und die Puppen, die das Christkind gebracht, auch gut in Acht nähmen, ob sie nichts mutwillig zerstören oder unordentlich herumliegen ließen. Als sie alles schön aufgeräumt und in Ordnung fand, hatte sie ihre helle Freude, schmückte den Weihnachtsbaum, der schon bedenklich geleert war, mit frischen Schokolade- und Zuckersachen, berührte jede der Puppen mit ihrem goldenen Zauberstäbchen und sprach dabei:

 

„Hört, ihr Püppchen, lasst euch sagen:

wenn die Uhr hat zwölf geschlagen,

dann sind all‘ von Fleisch und Blut,

amüsiert euch auch recht gut!

 

Doch um ein Uhr ganz behende

Ist die Herrlichkeit zu Ende,

bis zur – nächsten Neujahrsnacht

auf ein Stündchen ihr erwacht."

 

Als sie wieder zum Fenster hinausfliegen wollte, fiel ihr Blick auf Hansels Offizier und den Hampelmann, die traurig in der Ecke lehnten, auf den dicken Nussknacker, der einsam auf dem Tische stand, und auf den geschniegelten, gebügelten Verkäufer, der trübselig in dem dunkeln Kaufladen auf Kunden wartete. Rasch drehte sie sich wieder um, berührte auch diese mit dem Zauberstäbchen und schwebte dann leise davon.

 

Zwölfmal schlug die Uhr auf dem großen Kaminsims; hei, war das nun ein Erwachen und Leben, ein Erzählen und Begrüßen in der Puppenstube! Wie schüttelten sich die kleinen Damen die zierlichen Hände, wie hell und silbern klang ihr Plaudern und Lachen! Vorsichtig schlichen der Offizier, der Verkäufer, der Nussknacker und der Hampelmann heran, und mit der Frage: „Bitte, meine Herrschaften, ist’s erlaubt einzutreten?“ machte sich der Offizier bemerkbar.

 

Erst stoben all die jungen Damen auseinander; die ehrwürdige Puppenmama jedoch, im schwarzen Seidenkleid und Spitzenhäubchen, lud die Herren mit einer freundlichen Handbewegung ein, näher zu kommen, und mit dem Rufe: „Prosit Neujahr!“ betraten sie den kleinen Salon.

 

„Hier meine Töchter, Minni, Lilli, Lotti und Lutti,“ stellte die Puppenmama vor. Die zierlichen Stühlchen wurden um den Tisch gerückt und es entspann sich gar bald eine fröhliche, allgemeine Unterhaltung.

 

„Ach, wenn wir doch ein bisschen tanzen könnten, das wäre ja geradezu himmlisch,“ seufzte Fräulein Minni, und dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Der Offizier geleitete die Puppenmama galant zum Klavier, öffnete ihr das Notenheft und lief dann im Sturmschritt davon, um die hübscheste der Puppen, die süße, blonde Lilli, zum Tanz zu bitten. Als sie nun so dahinschwebten, flüsterte er: „Gnädiges Fräulein tanzen ganz prachtvoll, auf Ehre!“ Sie aber schlug bescheiden und sittsam die Augen nieder und antwortete: „O bitte, Sie sind zu liebenswürdig!“

 

Als zweites Paar folgte der Verkäufer mit einer Dame in rosa Atlas; er hatte es sehr eilig – trat unvorsichtigerweise auf die lange Schleppe, so dass ein Stück der kostbaren Spitze zerriss.

 

„Verzeihung- Verzeihung – ich bin untröstlich,“ entschuldigte er sich. „Wie konnte mir das nur passieren! Zum Glück habe ich eine ganz ähnliche Spitze auf Lager und werde sie Ihnen morgen schicken, um den Schaden einigermaßen gut zu machen. Nein, dass ich aber auch ein solcher Tollpatsch war! Mir selber unbegreiflich!“

 

Nun kam der dicke Nussknacker mit der reizenden Lotti daher; sie hatte offenbar Angst vor ihm und legte knapp die Fingerspitzen auf seinen Arm; er aber tröstete sie, er sei ja kein Barbar und wisse wohl, was sich jungen Damen gegenüber schicke.

 

Als letztes Paar folgte der Hampelmann mit Fräulein Lutti; die beiden waren so ausgelassen und so lustig, als ob heute schon Karneval wäre!

 

Nachdem sich die Gesellschaft beim Klange des Puppenwalzers müde getanzt hatte, forderte Mama zum Abendessen auf. Es gab kalte Küche; da prangten Schokolade-, Kaviar-, Quitten-Würstchen und Marzipan-Schinken für die Herren, - Konfekt, Bonbons und Schokolade-Herzchen für die Damen. In hohen Kelchgläschen perlte und funkelte der Wein. Der Offizier brachte ein Hoch auf die Damen aus, und als er mit der herzigen Lilli gar so kräftig anstieß – klingling – da zerbrach das Glas und die Scherben fielen auf den Teppich. Nach dem Essen wurden den Herren Marzipan-Zigarren angeboten, sie lehnten aber dankend ab, und unter Pfänderspielen und Rätsellösen verging die Zeit in schönster, angenehmster Weise.

 

Horch, da schlug die Uhr eins und rasch wie der Blitz stob die kleine Gesellschaft auseinander. Die Puppen strichen ihre Haare und Kleider glatt und lehnten sich müde und steif auf das Sofa. Der Offizier grüßte, wirbelte rasch die Spitzen seines Schnurrbartes kerzengerade in die Höhe und marschierte in seine Ecke, wo er stramm und schneidig stehen blieb. Der schlanke Verkäufer pustete gerade den Staub von seinem schwarzen Anzug und suchte eilends seinen Laden auf – mit leisem ersterbenden „Zinnera – zinnera, bum-bum-bum“ schleppte sich der gemütliche Hampelmann an seinen Platz und der dicke Nussknacker, der des Guten etwas zu viel getan hatte und stillvergnügt vor sich hin lachte, erreichte nur mühsam sein Standquartier. Still und stumm, dunkel und einsam war es nun wieder in der großen Stube. Nur der alte Tannenbaum vergoss zwei schwere, harzige Tränen, er hätte auch zu gerne mitgetan.

 

Als die Kinder am nächsten Morgen ins Zimmer kamen, konnte sich Hans gar nicht genug darüber wundern, wie vergnügt und fidel sein sonst so finsterer und bärbeißiger Nussknacker aussah. Die kleine Gertrud rief entsetzt: „Herrjeh, was ist denn da passiert – da liegt ja ein Kristallgläschen zerbrochen auf dem Teppich der Puppenstube,“ und Hedwig konnte gar nicht begreifen, woher der viele Staub auf den Möbeln gekommen sei, da sie doch erst am Abend vorher alles so blank und rein gemacht hatte.

 

Der Nussknacker aber dachte still bei sich: Ja, ja, – ja, ja, – wenn ihr wüsstet, – wenn ihr wüsstet, wie wir uns letzte Nacht amüsiert haben.

 

Lina Sommer