Ihr Engelchen

aus: Schtillvergniegt

(in Mundart zu lesen - Originalschreibweise siehe unten)

 

In einer engen, kleinen Stube,

da liegt, dass Gott erbarme,

ein liebes, krankes Mädelchen,

so blass, so still, so arm.

 

Die Wände sind kahl, das Bett ist hart,

ringsherum die helle Not,

die Mutter muss zur Arbeit fort,

sie schafft für das täglich Brot.

 

Doch durch die Fensterscheiben huscht

ein Sonnenstrählchen geschwind,

tanzt auf dem Deckbett hin und her,

spielt mit dem kranken Kind.

 

Ein liebes Herrgottskäferlein

fliegt her, so leise und nett,

die Vögel vor dem Fenstergesims

die singen um die Wette.

 

Das kranke Kind, das horcht und lauscht,

es wird ihm so angst und bang,

mein Mutterchen, mein Mutterchen,

ach, bleibe doch nicht so lange.

 

In dieser engen, kleinen Stube,

da sitzt, voll Leid und Sorgen,

eine arme, blasse, stille Frau

vom Abend bis zum Morgen.

 

Ihr einziges Kind, ihr ganzes Glück,

ihr Trost in Leid und Kummer,

das liegt jetzt auf dem Kirchhof draußen

zum letzten, stillen Schlummer.

 

Oh wäre es doch aus, wie soll ich denn

allein noch weiter leben,

es kann kein Mensch und kann kein Gott

mein Kind mir wieder geben.

 

Horch, durch die Stube, da klingt es so leise:

liebes Mutterchen, nicht grämen,

ich bin ja jetzt im Himmelreich,

gehe, trockne doch deine Tränen.

 

Es sind viele liebe Engelchen

vom Himmel herunter gekommen,

die haben mich zum lieben Gott

mit sich hinauf genommen.

 

Mir ist so wohl, gehe, tröste dich doch,

ich bin gut aufgehoben,

liebes Mutterchen, jetzt weine nicht mehr,

bald sehen wir uns droben.

 

Lina Sommer

 

Originalschreibweise:

folgt